Das Gasparo da Salò - Projekt

 

Liutai in Brescia, Eric Blot Edizioni

 

Seit über 40 Jahren hege ich den Wunsch, ein Instrument nach Gasparo da Salò zu bauen und zu spielen.

Der ursprüngliche Grund war wohl die Aura, welche in den 1970er- und 1980er-Jahren diesen Namen umgab: Man wollte in ihm den "Erfinder der Violine" gefunden haben, auch, wenn die Forschungen von Mucchi 1940 schon gute Grundlagen zur weiteren Aufklärung um den historisch korrekten Platz des mysteriösen Instrumentenbauers vom Gardasee geliefert hatten.

 

Inzwischen ist dank italienischer und angelsächsischer Forschung ein sehr revidiertes Bild von Gasparo greifbar: Der wesentlich früher geborene Andrea Amati liegt nun ( - wenn auch nicht als "Erfinder der Violine" - ) als formgebende Kraft viele Jahre vor Gasparo gesichert vor. Dieser scheint (meiner Ansicht nach) Andreas Violinen und Violen gut gekannt zu haben und bemühte sich, sie nachzuahmen. Der Handwerks-tradition nach ist Gasparo ein Kind der Brescianer Werkstätten des 15. und 16. Jahrhunderts: Von hier kamen einige der besten Intarsien-Meister der Lombardei, im Musikinstrumentenbau dominierte ein Zupfinstrument: die kleine Cister, ein mit Metallsaiten bezogenes Liebhaberinstrument.

 

The Studiolo at Gubbio, The Met Museum of Art 

 

Vielleicht dokumentieren drei Instrumente von Gasparo im Ashmolean Museum in Oxford den Weg des Instrumenten-bauers aus Salò: zuerst eine Cister (als Schüler von Girolamo Virchi?), dann eine schon meisterhafte Viola da gamba und - als spätestes Instrument: die mächtige Viola - wohl ein Spätwerk um 1600. Das ist nur eine Idee - leider hinterliessen Brescianer Instrumentenbauer auf den Zetteln im Instrument kein Datum der Fertigstellung wie die Cremoneser...

 

Als viertes Instrument von Gasparo besitzt das Ashmolean eine "Lira": dieses mit viel Mystik beladene Streichinstrument erscheint hier in Viola-Größe. Es assoziiert beim Betrachter schon durch seine äußere Form, beeinflußt durch die altgriechi-sche Lyra, Gedanken an das antike Europa der mediterranen Poesie. Das - vermutlich wie unsere Viola auch in Gasparos reiferen Jahren entstandene - Instrument scheint mir aufgrund der Abstände der ff-Löcher ein 5-saitiges Streichinstrument gewesen zu sein. Der Musiker und Maler E. Baschienis stellte derartige Instrumente um 1660 auf Stilleben dar. Heute erscheint die "Lira" in Oxford als Viola-Umbau aus den Händen der Hill-Werkstatt.

 

Evaristo Baschienis, Marco Rosci

 

Vor allem die vielen schlechten Fälschungen und Komposit-Instrumente mit Teilen von Gasparo (z. B.: Boden erhalten, der Rest dilettantisch ergänzt) aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert haben dem Meister einen schlechten Ruf eingebracht: "... je schiefer und ungenauer, desto eher eine originale Gasparo da Salò..."

De facto ist das Gegenteil der Fall: Obwohl an einigen Instrumenten seiner Werkstatt Details zu finden sind, welche nicht jene Liebe zu höchsten ästhetischen Ansprüchen dokumentiert, welche Andrea in Cremona pflegte, ist Gasparo ein sehr präzise planender und arbeitender Handwerker gewesen. Die genaue Untersuchung vieler Details am authentischen Instrument und dessen Nachbau hat mich mehr und mehr davon überzeugt, dass Gasparo "ingenieursmäßig" gedacht hat. Die Viola da gamba in Oxford ist ein Dokument höchster Meisterschaft. Es ist anzunehmen, dass seine Bratschen schon bald sehr gefragt waren und er daher viele davon möglichst schnell herstellen musste. Die Verwendung von nicht ausreichend getrocknetem Holz (z. B.: Verwindungen im Bereich Wirbelkasten und Schnecke, dazu vielleicht auch früh aufgetretene Risse im Bodenholz) scheinen dafür zu sprechen.

Aber - das wichtigste für die Musiker: Der Mann hatte ein Gespür für Klänge: seine Bratschen (und die seines Schülers G. P. Maggini) sind nach wie vor unübertroffen in der Klangqualität und daher im Handel kaum zu bezahlen!

 

 Die Gasparo Viola im Ashmolean, Detail, Rainer Ullreich 

 

Ich hatte für meine Arbeit drei wichtige Inspirationsquellen:

- schon in meinen Studententagen kaufte ich vom Ashmolean Museum eine Kopie des Planes der Viola von John Pringle.

- eine Reise nach Oxford im Jahre 2011 und die Möglichkeit, die Viola in die Hand zu nehmen und zu fotografieren hat mein Interesse weiter angeregt.

- in mehreren Artikeln über die Brescianer Schule führt uns John Dilworth ein in deren Arbeitsweise (Liutai in Brescia und Katalog der Musikinstrumente der Ashmolean Sammlung). Hier findet der Leser sehr interessante Details. John hat auch mehrere Originale repariert und restauriert und ist so freundlich, meine Fragen per E-mail zu beantworten :-) .

 

Auf Grundlage der mir vorliegenden Informationen beschloss ich, die Viola so zu bauen: Auf die fertig ausgearbeitete Decke sollten die sehr steifen Zargen frei und ohne Innenform aufgesetzt werden (4 Teile). Es hätte natürlich auch der Boden sein können, aber, - falls es zu kleinen Abweichungen in der Umrissform kommen sollte: Die Decke wird öfters kritisch betrachtet als der Boden.

N. B.: Inzwischen habe ich während der Arbeit an einem Detail meiner Fotos von 2011 erkannt, dass Gasparo die Zargen doch

auf den Boden aufgebaut hat: An der unteren rechten Ecke des Mittelbügels weist der Boden eine "Verletzung" von der Säge auf, welche den Überstand der Zargen beseitigt hat. Ich werde das bei der nächsten Rekonstruktion anders machen...

 

Hals/Schnecke halbfertig, extra lang zum Einspannen in

die Hobelbank, Rainer Ullreich

 

Schnecke und Wirbelkasten erscheinen - mit jeweils kleinen Unterschieden - recht uniform an den Originalen: Die massive erste Drehung wird in der Schnecke nur mehr ein zweites mal weiter geführt. Deshalb erscheinen auch bei Seitenansicht große Flächen im Vergleich etwa zu Amati-Schnecken. Diese zweite Drehung hat Gasparo mit einem flachen Eisen schräg nach Innen gestochen. Die vertikalen Flächen der Schnecke sind auch eher flach gestochen, sodass eine sehr harte Kante entsteht. Der Wirbelkasten ist großzügig angelegt, was das Aufziehen der starken Darmsaiten vereinfacht.

Abgesehen von der eigenen Stilistik erscheinen mir seine (originalen) Schnecken nicht gröber gearbeitet als so manche seiner Cremoneser Kollegen.

 

Gasparos Bratschen hatten vermutlich keine Reifchen an den Zargen als Versteifung und Vergrößerung der Leimfläche. Ich habe kleine Klötzchen in kurzem Abstand angeleimt wie wir sie von einigen Originalen um 1600 und später kennen.

 

Wir haben leider keine Information, ob eine Gasparo-Viola einen Bassbalken oder eine integrierte Deckenversteifung erhielt. Ich entschied mich für einen eher klein dimensionierten BB ähnlich einem von J. Stainer.

 

Zarge zum Unterbügel vor dem Verleimen, je 4 Klötzchen schon vorgeleimt

 

Es wurden als erstes die Zarge zum Oberbügel, dann die zum Unterbügel und zuletzt die beiden Mittelbügel aufgeleimt. Das hat sich gut bewährt - eine andere Reihenfolge wäre aber  genau so möglich. Viel Spaß machte schliesslich das Abrichten der Enden der langen Zargen an den Ecken des Mittelbügels: Bei einer Holzstärke von ca. 2 mm (fast doppelt so stark wie Amati oder Stainer) gibt es schon eine starke Kante zu formen!

 

Der Hals mit Wirbelkasten und Schnecke wurde dann - wie bei frühen Streichinstrumenten meist üblich - stumpf oben an die Zarge geleimt. 

John Dilworth legt sehr plausibel dar, dass die Kraft der Konstruktion aus den sehr starken Zargen kommen muss. Da Bratschen von Gasparo und Maggini jeweils keine Plattformen auf Boden und Decke für ein Anleimen von Ober- und Unterklotz wie ihre Cremoneser Schwestern aufweisen, müssen diese wohl "schwebend" an die Zarge, ohne Verbindung zu den beiden Platten, geleimt werden. Auch ein Durchsetzen des Halsfußes wie bei anderen archaischen Violininstrumenten scheidet aus (ich habe meine Proto-Violinen mit flachem Boden so gebaut), da der gestochene Boden nur eine sehr unsichere Fläche zum Verleimen bietet und eine geteilte Zarge am Oberbügel wesentlich an Kraft verlieren würde.

 

Zargenkranz komplett aufgebaut, gut sichtbar: Oberklotz "hängend"

 

Ich habe zur zusätzlichen Stabilität der Halsleimung einen Zapfen aus Ahorn gedrechselt und in eine Bohrung durch Oberklotz und Halsfuß eingeleimt. Dafür gibt es keine historischen Belege - die Idee ist allein meiner Ängstlichkeit geschuldet...

Ähnlich der kleinen Klötzchen zur Decke hin werde ich vor der Verleimung mit der Bodenplatte an der anderen Seite der Zargen solche Stabilisatoren anleimen, auch um die Leimfläche zu vergrößern. Nach Ostern möchte ich den Boden stechen und - mit Glück und Geduld - sollte dann im Mai die meiste Holzarbeit getan sein.

Für Grundierung und einen schönen, nicht zu dunklen Lack erhoffe ich mir dann sommerliche Temperaturen!

 

Wird demnächst fortgesetzt - danke für Ihr/Dein Interesse!